Roland Schüren – Bäckermeister

1. Was verbindet Dich mit dem Handwerk?

Ich mag es sehr, mich innerhalb der auf der Meisterschule und in der Praxis gelernten Herstellungssystematik des Backens zu tummeln. Ich liebe Lebensmittel und Foodpairing. Ich leite die gesamte Produktentwicklung und setze sie zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus der Backstube um. Mich fasziniert es, eine Handwerksbäckerei mit Ihrer ellenlangen Wertschöpfungskette vom Einkauf beim Biolandwirt bis in die Tasche des Endverbrauchers zu steuern und mich dabei von den drei Säulen der Nachhaltigkeit leiten zu lassen . – Das gesamte, blühende gesellschaftliche Leben wirkt im Betrieb tagtäglich auf mich ein. Ich bin sehr dankbar für die vielen Gestaltungsfreiräume in meinem Beruf.

Ich bin Bäckermeister sowie Dipl. Betriebswirt und führe den Betrieb mit 250 Mitarbeiter:innen, den mein Urgroßvater 1905 gegründet hat.

2. Was ist aus deiner Sicht das Dringendste, das die Politik für das Handwerk tun sollte?

Grundsätzlich sollte die Politik den Faktor Arbeit gegenüber dem Faktor Kapital entlasten. Es sind zu viele, sehr hohe staatliche Einnahmen an den Faktor Arbeit gekoppelt. Im Handwerk sind die Unternehmen wirklich sehr personalintensiv und wir leiden alle unter dem demografischen und gesellschaftlichen Wandel mit einem extremen Arbeitskräftemangel. Seit ich in der Branche leitend tätig bin (1991), hat mein Betrieb dieses Jahr erstmalig keinen einzigen Azubi einstellen können. Früher waren es vier bis acht pro Ausbildungsjahr. – Also bitte: Hinzuverdienstgrenzen bei Frührentnern und Arbeitslosen deutlich erhöhen, Einwanderung auch für Nicht-Fachkräfte ermöglichen, Flüchtlingen mit in Deutschland beendeter Ausbildung und/oder festem Arbeitsvertrag unbegrenzt weiter die Arbeit ermöglichen. Die Mitarbeiter:innen im Handwerk gleichen aktuell zu viele Engpässe aus. Das geht nicht auf Dauer so weiter und behindert in den Baugewerken den Ausbau der erneuerbaren Energien.

Bürokratieabbau: Statistik-Pflichten stark reduzieren. In überwachten Bereichen wie z.B. berufsgenossenschaftlichen Dingen oder der Lebensmittelüberwachung wieder mehr Fokus auf tatsächliche Sicherheit und tatsächliche Sauberkeit legen und dafür Dokumentationspflichten und z.B. den Leiterbeauftragten im Drei-Mann-Betrieb entfallen lassen. Das Mehrwertsteuerrecht vereinfachen: Ausnahmen streichen, nur ein MwSt-Satz für ein Produkt, egal wo es verzehrt wird.

Gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Lebensmittel-Vertriebsformen schaffen: Reisebedarf an Tankstellen neu definieren, das Arbeitszeitgesetz an Sonntagen überarbeiten, sodass gleiche Bedingungen für Produkte von z.B. Handwerksbäckereien und industriell hergestellten Teiglingen bestehen. Die Vorfälligkeit der Sozialversicherungs-Zahlungen abschaffen und wieder auf den Monat der Lohn- und Gehaltsabrechnung legen.

Kurz: Der Fach- und Arbeitskräftemangel ist die größte Aufgabe für das Handwerk und gefährdet Betriebe kurz- bis mittelfristig. Die aktuell massiv steigenden Energiepreise gefährden es sehr kurzfristig. – Wir Handwerker bitten nicht gerne um staatliche Hilfe, das widerspricht unserer Natur. Wir packen lieber an und lösen Probleme schnell und unbürokratisch. Nur gerade jetzt wird es ohne Hilfe leider nicht mehr lange bestehen können. Wir sehnen uns nach arbeitsreichen Zeiten mit den erlernten Tätigkeiten unserer jeweiligen Gewerke.

3. Wie unterstützt du den ersten HandwerksGrün-Kongress und warum findest du, dass das wichtig ist?

Ich trage den Input beim Fachforum „Selbstverständnis der Handwerks“ vor. Es ist wichtig, Menschen außerhalb des Handwerks und Politikern zu verdeutlichen, wie wichtig und wertvoll Handwerk für die Gesellschaft ist. Es ist wichtig zu zeigen, wie pragmatisch Handwerker agieren und welche Umfeldbedingungen für sie essentiell sind. Der Handwerksgrün-Kongress kann dabei bestimmt sehr gut helfen. Ich freue mich außerordentlich  darauf!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.