Anne Monika Spallek – Bundestagsabgeordnete

1. Was verbindet Dich mit dem Handwerk?

Ich bin in die Politik gegangen, weil mir die fortschreitende  Konzentration in der Landwirtschaft und in der Verarbeitung von landwirtschaftlichen Produkten in meiner Gegend aufgefallen waren. Gegenüber meines Hofes wollte ein Legehennenbetrieb, der bereits verdoppelt hatte, noch einmal spiegeln. Ich habe mich in der örtlichen Bürger*inneninitiative engagiert. Zu dieser Zeit sind bei uns im Kreis überall große Tierhaltungsanlagen entstanden. Die Anzahl an Kühen auf der Weide wurde merklich weniger, während der Anbau von Mais massiv zunahm. Metzgereien und Bäckereien gaben den Betrieb auf. Diesen Strukturwandel wollte ich mir nicht tatenlos anschauen. In der grünen Bundestagsfraktion bin ich jetzt Berichterstatterin für das Lebensmittelhandwerk geworden, aber die strukturellen Probleme, das Zuviel an Bürokratie sowie der Arbeits- und Fachkräftemangel, betreffen ja das gesamte Handwerk.

2. Was ist aus Deiner Sicht das Dringendste, das die Politik für das Handwerk tun sollte?

Grundsätzlich muss die Politik das Handwerk mehr wahrnehmen und ebenso wertschätzen wie die Industrie. Das gilt zum einen für die Bürokratie: für Betriebe des Lebensmittelhandwerks gelten in Verarbeitungsprozessen oft die gleichen Hygieneregelungen, die mit Blick auf die Industrie erlassen wurden. So sinnvoll sie in der Industrie sind, im Handwerk funktionieren sie nicht und sorgen nur für erhöhten Verwaltungsaufwand. Wir brauchen dringend einen Beirat oder einen runden Tisch für das Handwerk, damit ein regelmäßiger Austausch zur Politik gesichert ist – hier spielt das Lebensmittelhandwerk mit den Bäckereien, Fleischereien, Mühlen im Rahmen der Daseinsvorsorge eine existenzielle Rolle. Wir brauchen die dezentralen Strukturen für unsere Ernährungssouveränität und zum Erhalt vielfältiger Strukturen. Im Lebensmitteleinzelhandel sind die Konzentrationsprozesse bereits so stark, dass die großen 5 die Preise bestimmen und echter Wettbewerb kaum noch stattfindet. 25 Kilometer weit muss man in manchen Regionen Deutschlands fahren, um ein frisch gebackenes Brötchen zu kaufen. Schweine werden nicht auf dem Hof geschlachtet und zu Wurst verarbeitet, sondern quer durch die Republik transportiert, um auf riesigen Schlachthöfen ihr Leben zu beenden.

In den letzten zehn Jahren hat es ein massives Sterben im regionalen Lebensmittelhandwerk gegeben – nahezu parallel zum Höfesterben in der Landwirtschaft. 30 Prozent aller Bäckereien schlossen. 1951 hatten wir noch 18.935 Mühlen in Deutschland. Inzwischen sind es nur noch 185 Handelsmühlen. Zwischen 2010 und 2020 ging die Zahl der Fleischereien um 28 Prozent zurück. Dabei hat die Coronakrise gezeigt, dass kurze Versorgungsketten weniger abhängig vom globalem Handel sind und damit widerstandsfähiger als lange. Hinzu kommt, dass die regionale Verarbeitung und Vermarktung von Produkten i.d.R. klima- und umweltfreundlicher ist und mehr Wertschöpfung für die Landwirte und die ländlichen Regionen bedeutet. Vielen Verbraucher*innen ist das bereits bewusst – die Nachfrage nach regionalen Produkten steigt. Laut Koalitionsvertrag ist es politischer Wille, die regionalen Wertschöpfungsketten und das Lebensmittelhandwerk zu stärken. Die Frage ist: Wie kann der Deutsche Bundestag dazu beitragen? Auch die Fachkräfte-Strategie muss eigene Maßnahmen für das Handwerk erhalten, z.B. sollte es eine Kampagne geben, um das Ansehen handwerklicher Berufe in der Gesellschaft mit akademischen Berufen gleichzustellen. In der aktuellen Krise muss die Politik dem Handwerk viel zielgenauer unter die Arme greifen. Viele der aufgelegten Programme und Mechanismen helfen vor allem industriellen Betrieben, die aufgrund von Skalierungseffekten sowieso schon besser gestellt sind als kleine handwerkliche.

3. Wie unterstützt Du den ersten Handwerksgrün-Kongress und warum findest Du, dass das wichtig ist?

In meinen ersten acht Monaten im Bundestag musste ich feststellen, dass der deutsche Gesetzgebungsapparat fachlich sehr kompetent und konsensorientiert arbeitet, dadurch auch an der einen oder anderen Stelle schwerfällig sein kann. Ich bin überzeugt, dass Druck aus der Gesellschaft ein wichtiger Hebel ist, um politisch etwas anzustoßen. Daher werde ich den Kongress auf meinen Kanälen bewerben und versuche dem Thema die Aufmerksamkeit zu geben, die es verdient. Denn gerade in der digitalen und ökologischen Transformation ist es wichtig, das Handwerk zu fördern und zu unterstützen.

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